Warum auch Rechenzentren vom Thema EEG betroffen sind

Gerald Fritzen als Fachmann für Energiemesstechnik im Interview mit der Data Center Insider

23.02.2021

Warum auch Rechenzentren vom Thema EEG betroffen sind

Data Center Insider: Was halten Sie von dem Spruch „Strom kommt aus der Steckdose“? Und was bedeutet die Energiewende für Rechenzentren?
Gerald Fritzen: Strom ist für uns eine Selbstverständlichkeit, aber vielen ist leider nicht bewusst, welche fatalen Folgen es hat, wenn dieser nicht mehr zu Verfügung steht und wie aufwändig es ist, eine zuverlässige Stromversorgung mit hoher Netzqualität zur Verfügung zu stellen. In Summe sind wir ohne Strom nicht mehr lebensfähig. Wasser, Nahrung, Benzin, Gas, Geld, Kommunikation… nichts funktioniert in der heutigen Gesellschaft ohne Strom. Wer sich die Folgen eines Stromausfalls in einer Lektüre verdeutlichen möchte, dem empfehle ich den Roman Blackout von Marc Elsberg. In diesem Buch werden die katastrophalen Folgen eines europaweiten Stromausfalls lebensnah verdeutlicht.

Insbesondere Rechenzentren leben von einer zuverlässigen Stromversorgung und müssen in der Lage sein, auch bei längeren Netzausfällen autark zu funktionieren. Bei Leistungen von oftmals > 10MW ist das natürlich eine Herausforderung. Wie wird die Kraftstoffzufuhr für die Netzersatzanlagen langfristig sichergestellt, wenn der Stromausfall mehrere Tage andauert?  Für dieses Schreckensszenario müssen organisatorische Notfallpläne entwickelt bzw. die Netzqualität aktiv überwacht und geregelt werden. Die optimale Frequenz ist 50Hz, aber schon bei geringfügigen Schwankungen nach unten (49,8Hz) kann das Netz zusammenbrechen. Mit zunehmender Abschaltung von konstanten Stromquellen (klassische Kraftwerke) und der Kompensation mit unzuverlässigen Stromquellen aus PV und Windkraft wird sich die Problematik mit der Netzfrequenz in Zukunft eher verschärfen. Leider sind die Angaben zu regenerativen Energieanlagen recht irreführend. Man publiziert fast ausschließlich die installierte Leistung, aber nicht die tatsächlich dauerhaft nutzbare Leistung, und stellt diese konventionellen Kraftwerken gegenüber. Die Energie konventioneller Kraftwerke ist zuverlässig und dauerhaft zu jeder Uhrzeit abrufbar. Die Energie von Windkraft oder PV ist leider recht unzuverlässig und nur ein kleiner Teil der installierten Leistung steht dauerhaft zur Verfügung. Nachts scheint die Sonne eben nicht und wenn es parallel windstill ist, dann gibt es eben keinen grünen Strom. Elektroautos werden während dieser Phasen fossil betankt! Die Bilanz der bisherigen Energiewende ist ohne geeignete Speicherlösungen relativ ernüchternd und der Strom aus der Steckdose noch lange nicht grün. In der Vergangenheit wurden zu wenig Anreize und zu hohe Hürden für Energiespeicher geschaffen.

Data Center Insider: Was sind die Gründe hierfür?
Gerald Fritzen: Das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) wirkt sich teils kontraproduktiv aus, schafft enorme Mehrkosten und Wettbewerbsnachteile. Speicher waren bisher zu wenig im Fokus und sollten bei der Errichtung einer regenerativen Energieanlage verpflichtend werden. Bei Windrädern oder bei PV-Freiflächenanlagen gibt es dann neben dem Trafohaus eben noch ein geeignetes Speicherhaus. Dass die EEG-Abgabe auch auf selbst erzeugten Strom gezahlt werden muss, behindert den Ausbau von erneuerbaren Energien enorm und schafft ein bürokratisches Monster für Unternehmer und auch Privatpersonen. So ist zum Beispiel bei Erzeugeranlagen ab einer Größe von 10kWp 40 Prozent der EEG-Umlage auf die selbst genutzte Energie zu zahlen. An dieser Stelle bewirkt das EEG genau das Gegenteil dessen, wofür es ursprünglich geplant war.

Data Center Insider: Warum ist die EEG-Abgabe ein Wettbewerbsnachteil für den Standort Deutschland?
Gerald Fritzen: Rechenzentren als stromkostenintensive Unternehmen sind in Deutschland nicht von der EEG befreit und machen Deutschland zum teuersten Standort für Rechenzentren in Europa. Da die Stromkosten von Rechenzentren einen sehr hohen Anteil ausmachen, wären eigentlich alle Kriterien zum Entfall der EEG für Rechenzentren erfüllt. Wer mehr Digitalisierung und Verbesserung der digitalen Infrastruktur fordert, der muss auch die Weichen  dafür stellen! Rechenzentren sind immer darauf aus, die Energieeffizienz zu verbessern, und treiben die Entwicklungen im Bereich effiziente Umwandlung und Verarbeitung von Energie kontinuierlich voran. Auch Energiemanagementsysteme gehören schon lange zur Standardausrüstung und machen Schwachstellen sichtbar. Davon profitieren letztlich auch andere Industriezweige. Und durch neue Technologien aus der RZ-Infrastruktur wird letztlich CO2 eingespart. Rechenzentren als Klimakiller darzustellen finde ich grundsätzlich falsch. Was erzeugt wohl mehr CO2-Emissionen: Ein Corona Webmeeting in der Cloud oder die Anreise von 10 Teilnehmern aus verschiedenen Himmelsrichtungen der Bundesrepublik?

Data Center Insider: Sie sehen Rechenzentren also eher als Förderer der Energiewende?
Gerald Fritzen: Praktisch könnten Rechenzentren sogar aktiv Regelenergie zur Verfügung stellen und Schwankungen im Stromnetz kurzzeitig ausgleichen. Aber auch hierfür müssen mehr Anreize geschaffen werden und bürokratische Hürden beseitigt werden. Ein pragmatischer Ansatz wäre zum Beispiel Entfall der EEG bei Bereitstellung von Regelenergie aus Batteriespeichern. Ich bin mir sicher, die Energiewende würde in Summe erfolgreicher sein, wenn sie weniger Bürokratie-Monster wäre. Wenn das Verhältnis von Aufwand und finanziellem Nutzen einer Erzeugeranlage mit Speicher nicht passt, dann sieht der Unternehmer keinen Mehrwert und investiert nicht.

 

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